Züricher SonntagsZeitung, 17. Oktober 2004

Das Auge hört mit

Brüllendes Rot, flüsterndes Grün: Ein Psychophysiker erforscht die Verquickung der Sinne
von Joachim Laukenmann
 

Ferraris, Alfas oder Lamborghinis, deren kraftstrotzende Leistung man auch hören darf, sind oft knallrot oder feurig gelb lackiert. Ein zart lindgrüner Sportwagen hingegen ist serienmässig kaum zu haben und auf den Strassen noch viel seltener zu sehen. Und das hat einen guten Grund: Schreiende Farben wie Rot und Gelb stechen nicht nur ins Auge, sie werden auch als lauter empfunden. Sprich: Dezibel ist bei verschiedenfarbigen Sportwagen nicht gleich Dezibel. Denn die Farbe unterstützt oder reduziert das subjektiv wahrgenommene Motorengeheul, auch wenn sich am messbaren Schallpegel nicht das Geringste ändert.

Sportwagenhersteller sind sich dieser Verquickungen von Sehen und Hören offenbar längst bewusst. Wissenschaftlich untermauert hat diese und andere «multimodalen Interaktionen» nun der Psychophysiker Hugo Fastl vom Lehrstuhl für Mensch-Maschine-Kommunikation der Technischen Universität München. Mit mehreren Versuchsreihen hat er erforscht, wie visuelle Eindrücke die akustische Wahrnehmung beeinflussen, und daraus bereits Regeln für die farbliche Optimierung von Lärmquellen wie Kopierer oder Staubsauger abgeleitet.

«Zunächst wollten wir bestätigen, dass Farben überhaupt einen Einfluss auf die Lärmwahrnehmung haben», sagt Fastl. Dazu hat er einem guten Dutzend Versuchspersonen Bilder des deutschen Schnellzugs Intercity Express (ICE) auf einer Leinwand präsentiert, sowohl im Original als auch eingefärbt. «Obwohl die Testpersonen das Zuggeräusch immer mit derselben Lautstärke zu hören bekamen, erschien ihnen der rote Zug im Vergleich zum hellgrünen lauter», so Fastl.

Fährt ein Zug durch den Schnee, glauben wir, er sei leiser

Bekamen die Testpersonen statt der farbigen Standbilder einen fahrenden Güterzug mit passendem Fahrgeräusch eingespielt, machte sich ein anderer Effekt bemerkbar: Die bewegten Bilder reduzierten die wahrgenommene Lautstärke, und zwar völlig unabhängig von der Farbe des Zugs. Sassen die Testpersonen gar in einem Fahrsimulator und fuhren durch den Stadtverkehr, über Landstrassen oder Autobahnen, waren die Hörunterschiede am frappierendsten: Beim Autolenker kam - bei gleichem Schallpegel - je nach Komplexität der Fahrsituation und je nach Person bis zu 50 Prozent weniger Lärm an als bei Vergleichspersonen, die nicht durchs Autofahren abgelenkt waren.

Bei der Erklärung dieser Wahrnehmungsphänomene stehen die Forscher noch ganz am Anfang. «Je mehr Aufmerksamkeit auf das Visuelle gelenkt wird», so Fastls Vermutung, «desto weniger bleibt für das Hören übrig.» Die Ressourcen, die der Sinneswahrnehmung zur Verfügung stünden, seien beschränkt und müssten auf alle beteiligten Sinne verteilt werden. Der starke visuelle Eindruck beim Fahrsimulator würde demnach dem Hörsinn Kapazitäten abzweigen, sodass Geräusche als weniger laut empfunden werden. Nur: Weshalb der auffälligere Eindruck eines roten Zugs gegenüber einem grünen lauter statt leiser wahrgenommen wird, kann dieser Ansatz nicht erklären.

Vielleicht liegt das daran, dass noch ganz andere Einflüsse mitspielen, insbesondere die Erinnerung. Wieder wurde den Probanden über Kopfhörer das Geräusch vorbeifahrender Züge eingespielt. Statt der ICEs bekamen sie aber «schallfremde» Bilder zu sehen, wie einen sommerlich begrünten Baum oder denselben Baum kahl und in verschneiter Landschaft. Obwohl der Schallpegel identisch war, beurteilten die Testpersonen den Lärm beim Anblick der winterlichen Landschaft als geringer. «Möglicherweise ruft der Anblick einer Winterlandschaft die Erinnerung hervor, dass Geräusche im Winter vom Schnee yerschluckt werden», sagt Fastl.

Künftig möchte er gemeinsam mit Kollegen aus der Neurophysiologie den Vorgängen im Hirn auf die Spur kommen, die beim Wechselspiel von Hören und Sehen eine Rolle spielen. Dazu will er die Hirnfunktionen von Probanden mit spezieller Röntgentechnik untersuchen, während er sie den verschiedenen Sinneseindrücken aussetzt. Er vermutet, dass zwischen Hör- und Sehzentrum in der Grosshirnrinde Verbindungen bestehen, über die Informationen ausgetauscht werden können. Dies könnte die tiefer gehende Erklärung für diese Wahrnehmungsphänomene liefern.

Hellgrün für Bürogeräte, die einen leisen Eindruck hinterlassen sollen

Doch schon ohne eine definitive Erklärung parat zu haben, lassen sich die Ergebnisse in die Praxis umsetzen. Als Gastprofessor an der Universität von Osaka hat Fastl in Japan Kopierer lindgrün angestrichen und Probanden präsentiert. «Das kam sehr gut an. Hellgrün ist die Farbe der Wahl für Haus- oder Bürogeräte, die einen leisen Eindruck hinterlassen sollen.»

Da bekanntlich gilt, «andere Länder, andere Sitten», wollte Fastl überprüfen, ob diese audiovisuellen Interaktionen in der Natur des Menschen liegen oder ob sie kulturell geprägt sind. Dazu hat er einige Tests mit japanischen Probanden wiederholt. Das Resultat: Zumindest zwischen diesen beiden Kulturkreisen gibt es keinen Unterschied. «Wer einen Ferrari in Japan verkaufen möchte», so Fastl, «der streicht ihn ebenfalls mit Vorteil hellrot an.»