NZZ am Sonntag, 27. Oktober 2002 / Ressort Gesellschaft

Akustik-Design gehört zum guten Ton

Ob Ladyshave oder Espressomaschine: Der künstliche Sound wird so wichtig wie die Form.

Von Simona Ryser

Der Lichtschalter klickt diskret Sicherheit in den Raum, die Espressomaschine zischt eine Prise Italianità in den Morgen, und derweil den Damen der Ladyshave zärtlich ums Bein schnurrt, brummt der Rasierapparat den Herren die raue Männlichkeit in den Bart. Einst galt das Rauschen der Geräte als akustischer Abfall - heute tüfteln Akustik-Experten am guten Ton, am verkaufsfördernden Sound der Apparate ebenso ehrgeizig wie die Designer an der schönen Form.

«Das Geräusch ist nach der Leistung und dem Preis das drittwichtigste Kriterium, wenn der Konsument ein Gerät beurteilt», sagt Hugo Fastl, Professor an der Technischen Universität München und einer der führenden Experten für Akustik-Design im deutschsprachigen Raum. Kümmerten sich noch vor zehn Jahren die Akustiker in erster Linie um die Dämmung von Geräte-Geräuschen, so beschäftigen sie sich heute mit deren kreativer Gestaltung: «Die Produkte sind in ihrer eigentlichen Leistung immer weniger unterscheidbar, deshalb konzentriert sich die Gestaltung auf sekundäre Kriterien wie das Geräusch», erklärt Fastl.

Geschirrspüler waschen heute einer wie der andere, das Raunen aus der Küche allerdings kann sich ganz erheblich unterscheiden. Die Leistung von Staubsaugern vermag ein Auge kaum zu vergleichen, das kraftvolle Einsaugen aber wird das Ohr sofort überzeugen - auch wenn es nicht hört, dass die Technik schummelt, prasselnde Staubkörner der Luftströmung zugesetzt hat, um den Saugklang zu verstärken.

Indes, der Konsument mag keinen Lärm um nichts, seinem Ohr schmeicheln Geräte, die ihre Arbeitsleistung scheinbar natürlich akustisch bestätigen. «Der Kunde soll sich nicht Gedanken machen über das Geräusch eines Gerätes, das würde bereits eine Irritation bedeuten», sagt Thorsten Ronnebaum von der norddeutschen Firma Sounddesign Ronnebaum und Springer nahe Cloppenburg, die für Unternehmen ohne eigene Akustik-Abteilung Gerätegeräusche entwickelt. In Tests geben Versuchspersonen darüber Auskunft, wie ein Geräusch wirkt: ob es wohl klingt, vertrauenerweckend, ob es Qualität verspricht.

Klingende Männlichkeit

Hört man etwa beim Betätigen eines Lichtschalters nur ein dünnes, ein billiges Klicken, wird man an seiner Funktionstüchtigkeit zweifeln, selbst wenn er grundsolide ist. Aufgabe der Akustiker ist es, ein Klicken zu kreieren, das Verlässlichkeit suggeriert. Dazu kann die Konstruktion des Gehäuses verändert oder die Anordnung der Bestandteile und deren Materialkombination variiert werden. Bei einem Geschirrspüler dürfen nur solche Geräusche hörbar sein, die zur Funktion selbst gehören, etwa Wassergeräusche, die den Waschvorgang akustisch unterstützen. Schaltgeräusche hingegen sind verpönt, sie könnten als Indiz für eine Fehlfunktion wahrgenommen werden.

Die grosse emotionale Bedeutung des guten Tons verdeutlicht das Beispiel der Haarentfernung. Der Rasierapparat für den Mann und das Epiliergerät für die Frau haben eine identische Funktion - sie klingen aber grundverschieden: Der Rasierapparat soll dem Mann seine Männlichkeit bestätigen, das Schneidegeräusch muss gut hörbar sein, um so ein kraftvoll tönendes Feedback über die Stärke des Bartwuchses abzugeben. Das Geräusch eines Ladyshaves ist hingegen stark gedämmt, der diskrete Ton suggeriert eine schonungsvolle, sanfte Behandlung der Damenbeine.

Die Ohren sind unerbittlicher als die Augen. Ein nicht ganz stilsicheres Design mag der Kunde grosszügig übersehen, ein falsches Geräusch jedoch ist unüberhörbar. Denn das Gehör meldet seine Beobachtungen wenn nicht dem Bewusstsein, so dem Reich des Unbewussten, das letztlich einen Kaufentscheid zu vereiteln vermag.

Vorreiterin im Geräuschdesign ist die Automobilindustrie, ein Auto verfügt heute über einen durchkomponierten Gesamtsound. Das beginnt beim Einsteigen, beim Klang der sich öffnenden und schliessenden Türen: Ist die Tür sehr dicht isoliert, wird die Luft beim Einschwenken der Tür abrupt hinausgequetscht - Resultat: ein sportliches Klacken. Bei einer Oberklasselimousine hingegen ist die Dichtung so verlegt, dass die Luft nach dem Scherenprinzip hinausgeschnitten wird, sie entweicht verzögert - Resultat: Die Türe fällt sanft und präzis ins Schloss wie bei einem Kassenschrank.

Auch dem Motorengeräusch helfen die Akustik-Designer nach: Ein komplexes Verfahren aktiver Schallkompensation, genannt Active Noise Control (ANC), setzt bei neuen Modellen nicht bloss den Lärmpegel herab, sondern gestaltet den Sound des Wagens ganz nach Wunsch der Ingenieure und Verkaufsstrategen. Mikrophone im Wageninneren nehmen dazu die primären Motorengeräusche auf, leiten sie an das ANC-Modul weiter, das ein Gegengeräusch errechnet. Dieser Gegenlärm wird phasenverschoben über Lautsprecher abgestrahlt, Lärmwelle und Gegenwelle neutralisieren sich. Zudem messen Sensoren Gaspedalbewegung und Motordrehzahl, ein Soundgenerator lässt nach diesen Informationen den dazu gewünschten künstlichen Ton über die Lautsprecheranlage im Wageninnern erklingen.

Der Sound der Zeit

Theoretisch könnte man einem VW Beetle einen kernigen Porsche-Sound verpassen. Doch nicht alles, was möglich ist, macht Sinn: «Unsere akustische Wahrnehmung ist auf Entsprechung konfiguriert», sagt Joachim Scheuren vom Münchner Ingenieurbüro Müller-BBM, einem im Bereich technische Akustik führenden Unternehmen. Will heissen: Eine Limousine soll nicht wie ein Sportwagen fauchen - auch wenn der Motor im Original so tönen würde. «Das Klangbild muss mit der akustischen Erwartung des Kunden übereinstimmen», sagt Scheuren.

Doch Geräusche sind nicht nur mit Konsumentenerwartungen konfrontiert, sondern sie haben auch eine Geschichte und unterliegen Trends. So hat jede Zeit ihren eigenen Sound, der es den Akustik-Designern verbietet, dem subjektiven Empfinden der Menschen allzu sehr vorauszueilen. Als IBM in den achtziger Jahren eine lautlose Thermo-Schreibmaschine auf den Markt brachte, verkannte sie den Klang der Zeit. Denn noch war damals die Schreibarbeit von akustischem Nachdruck begleitet, von Schreibanschlag-Klappern, Papiereinzug-Knarren, Zeilenende-Klingeln.

Die lautlose Schreibmaschine von IBM war ein Flop - sie verschwand, still und leise, wieder vom Markt.